Drama (Theater)
Ein Drama ist ein Bühnenstück bzw. ein Theaterstück mit folgenden wichtigen Merkmalen:
- Konflikte zwischen Figuren oder gegensätzlichen Interessen treiben die Handlung voran.
- Dialoge und Monologe statt eines Erzählers wie in der Erzählung oder im Roman
- Regieanweisungen mit Hinweisen zu Bühne, Mimik, Gestik, usw.
- Einteilung in Akte und Szenen. Dabei gibt es unterschiedliche Aufbauprinzipien, siehe unten.
Arten des Dramas
- Tragödie. Sie endet meist traurig oder tragisch. Tragik ist ein schweres, schicksalhaftes Leid, bei dem ein Mensch oder eine Theater- oder Romanfigur usw. unausweichlich und ohne eigene Schuld in eine ausweglose Situation gerät und daran scheitert.
- Komödie: Sie behandelt Konflikte auf humorvolle Weise und endet oft glücklich.
- Tragikomödie: Sie verbindet ernste und komische Elemente.
Aufbau der griechischen Tragödie
- Prolog. Es handelt sich um die Einleitung in das Stück mit Ausgangssituation und wichtigsten Figuren
- Parodos oder erster Auftritt des Chors. Dieser kommentiert die Handlung und bewertet sie religiös oder moralisch.
- Episodien (Epeisodia), also die eigentliche Spielhandlung, gegliedert in Episoden und immer wieder unterbrochen durch Chorauftritte / Chorlieder (Stasima).
- Exodos, nämlich der Ausgang bzw. Schluss mit dem Ende bzw. der tragischen Lösung der Handlung und dem Abgang des Chor nach einem abschließenden Kommentar.
Die Tragödientheorie des Aristoteles
Aristoteles definiert in seiner Dramentheorie die Tragödie als
- Nachahmung (Mimesis) einer abgeschlossenen, bedeutsamen Handlung.
- Diese wird auf der Bühne in nur einer Haupthandlung ohne Nebenhandlung (Einheit der Handlung) logisch und klar dargestellt.
- Ziel der Darstellung ist die Katharsis (griechisch: Reinigung) des Zuschauers. Dieser soll beim Zuschauen emotional ergriffen werden durch das Erleben erstens von Furcht vor dem Schicksal der Figuren und zweitens von Mitleid mit den leidenden Figuren. Durch das Miterleben dieser Gefühle kommt es zu einer seelischen Reinigung oder Läuterung. Er wird ein besserer Mensch.
- Besonders wichtig bei Aristoteles sind die Peripetie, also die plötzliche Wendung des Schicksals, und die Anagnorisis, nämlich der Moment der Erkenntnis, in dem eine Figur die Wahrheit erkennt.
- Der Held ist nach Aristoteles von hohem Stand, weder vollkommen gut noch vollkommen böse, und er gerät durch einen tragischen Fehler (Hamartia) oder eine Fehlentscheidung in sein Unglück.
Das klassische Regeldrama des 17. Jhs. und der ersten Hälfte des 18. Jhs.
Es ist die Dramenform des französischen Klassizismus, als der französische Hof und die französische Kultur seit Ludwig XIV. für ganz Europa als vorbildlich galten. Sie knüpft an Aristoteles an, legt ihn aber streng aus.
Merkmale des klassischen Regeldramas
- Die sogenannten „drei Einheiten“, nämlich Einheit der Handlung: siehe oben Aristoteles; Einheit der Zeit: Die Handlung soll innerhalb von 24 Stunden stattfinden; Einheit des Ortes: Die Handlung spielt an einem einzigen Ort.
- Geschlossener Aufbau mit Exposition, steigender Handlung, Höhepunkt, fallende Handlung, Katastrophe (Tragödie) oder glückliche Lösung (Komödie). Gustav Freytag übernimmt dieses Verlausschema im 19. Jh., Verlaufskurve siehe hier
- Ständeklausel. Sie spiegelt die Ständeordnung im Absolutismus. In der Tragödie dürfen nur hochgestellte Persönlichkeiten aus Adel oder Herrscherhaus auftreten, in der Komödienur Menschen des Dritten Standes, also Bürgerliche oder Menschen aus den unteren Klassen.
- Gattungstrennung. Keine Vermischung tragischer und komischer Elemente, daher keine Tragikomödie.
- Erzieherische Wirkung. Das Theater sollte das Publikum moralisch belehren und erziehen. Im Zeitalter religiöser Dominanz, aber vor allem auch im Zeitalter aufklärerischer Erziehung kam das gut an.
- Wahrscheinlichkeit und Anstand. Die Handlung soll glaubwürdig erscheinen. Gewaltszenen oder werden im Unterschied zu heutigen Produktionen nicht gezeigt, sondern nur berichtet.
Vertreter
Die bedeutendsten Vertreter des klassischen Regeldramas sind in Frankreich Pierre Corneille, Jean Racine und für die Komödie Molière. In Deutschland übernimmt der damalige Literaturpapst Johann Christoph Gottsched das klassische Regeldrama.
Abwendung vom klassischen Regeldrama
Im Grunde kann jedermann mit Schreibtalent nach den Regeln des klassischen Regeldramas eine Komödie oder Tragödie schreiben, denn die Kriterien sind klar. Damit wird das Schreiben eigentlich zum Handwerk.
U.a. weil das immer mehr ins Bewusstsein drang, kam Shakespeare in Mode, der ohne diese Regeln auskam. Dieser beeinflusste wiederum den Sturm und Drang in Deutschland, der die drei Einheiten auflöste, den Geniebegriff gegen das Schreibhandwerk setzte und sich nicht groß um das penetrante Moralisieren und Belehren kümmerte.
Schillers Dramentheorie (Kurzform)
Das Drama dient Schiller der ästhetischen Erziehung des Menschen ("Über die ästhetische Erziehung des Menschen", so ein Titel von ihm). Das Kunst und Theater sollen das Publikum nicht nur unterhalten, sondern den Menschen zu einem freien und sittlich handelnden Wesen, zu einem idealeren Menschen im Sinne des Ideals des Wahren, Schönen und Guten erziehen.
Als erzieherisches Drama stehen Schillers Dramen in der Tradition der Aufklärung und der Antike, aber die Inhalte wechseln natürlich mit jedem Zeitalter, und Schiller ist Hauptvertreter der deutschen Klassik. Freiheit ist ein zentrales Anliegen Schillers, er ist der große Freiheitsdichter der Deutschen, siehe etwa seine Dramen "Wilhelm Tell" (gegen die französische Besatzung unter Napoleon) oder "Don Carlos". Seine Figuren stehen häufig vor einem Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, wobei sich der wahre Held für erstere entscheidet.
Im formalen Dramenaufbau bleibt Schiller in der Tradition des Regeldramas.
Bertolt Brechts „Episches Theater“
Brecht entwickelt seine Theatertheorie in Abgrenzung zu Aristoteles und Schiller. Seine Dramentheorie wird als episches Theater bezeichnet und entstand im 20. Jahrhundert.
Die Grundidee: Brecht wollte nicht, dass das Publikum sich nur mit den Figuren identifiziert und emotional mitfühlt, weil er glaubte, dass dadurch die erzieherische Wirkung verpuffe. Stattdessen wollte er den Verstand ansprechen, um bleibende Wirkung im Denken und vor allem auch im Handeln zu erzielen. Es geht ihm um Verstehen und Veränderung. In seiner grundsätzlichen erzieherischen Absicht bleibt er traditionell, nur in der Umsetzung und im Inhalt der Erziehung bringt er Neues.
Inhalt: Brecht ist revolutionärer Sozialist. Als solcher versucht er, den Zuschauer zum revolutionären Sozialisten zu erziehen.
Was die formale Umsetzung betrifft: Das epische Theater erzählt die Geschichte nicht als geschlossene Handlung, sondern in einzelnen, voneinander unabhängigen Szenen. Kennzeichnend ist alles, was den Verstand anspricht und die überbordende Emotion bzw. rein emotionale Identifikation mit Figuren unterbindet, also:
- episodenhafter Aufbau, der den Handlungsfluss unterbricht
- Zeitsprünge statt Handlungskontinuität, Unterbrechungen der Handlung
- typischerweise offenes Ende, das den Zuschauer urteilen lässt
- Erzähler oder eingeschobene Kommentare
Statt Identifizierung des Publikums mit Bühnenfiguren wie bei Aristoteles und Schiller nun kritischer Abstand des Publikums zum Geschehen.
Das wichtigste Mittel Brechts hierzu ist der Verfremdungseffekt.
Beispiele für Verfremdung sind zum Beispiel:
- Der Ort der Handlung wird in fremde Gegenden (Kaukasus, Sezuan) und in vergangene Zeiten (Dreißigjähriger Krieg) verlegt.
- Die Schauspieler wenden sich direkt ans Publikum und sprechen mit ihm.
- Schilder oder Projektionen kündigen den Ausgang einer Szene an, so dass die Aufmerksamkeit auf das Wie des Handlungsverlaufs statt auf den Ausgang der Handlung gelenkt wird. Einbeziehung damals neuer Technik ins Theater
- Lieder, die berühmten „Songs“, unterbrechen die Handlung.
- Bühnenumbauten bleiben sichtbar.
- Schauspieler zeigen ihre Rolle, statt völlig in ihr aufzugehen.
Gefühle sind nicht verboten, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Die Balance zwischen Vernunft und Gefühl gelingt Brecht nicht immer.
