Literarischer Expressionismus (ca. 1910 - 1925)
Der literarische Expressionismus ist eine Strömung der literarischen Moderne. Er datiert ungefähr von 1910 bis 1925. Sein zeitgeschichtlicher Hintergrund sind vor allem das Kaiserreich, die Industrialisierung und Urbanisierung sowie der Erste Weltkrieg.
Der Expressionismus sieht die moderne Welt in einer tiefgreifenden Krise und erlebt sie als Bedrohung. Wie die Wiener Moderne begreift er den Menschen und die Welt als von außen und innen gefährdet und zerbrechlich. Das überkommene Menschenbild gerät in die Krise. Industrialisierung und Großstadt verändern die Lebensbedingungen grundlegend, vereinzeln den Menschen, machen sein Leben unübersichtlicher und entfremden ihn von sich selbst und anderen.
Anders als die Wiener Moderne steigert der Expressionismus diese Krisenerfahrung jedoch häufig zu einer apokalyptischen Weltsicht: Die bestehenden gesellschaftlichen und menschlichen Verhältnisse erscheinen als dem Untergang geweiht. Die historischen Krisen werden dabei zu Sinnbildern eines umfassenden Zusammenbruchs der menschlichen Existenz überhöht. Mit dieser Untergangsvorstellung verbindet sich vielfach die Hoffnung auf eine radikale Erneuerung der Welt und die Entstehung eines neuen Menschen. Ähnlich der frühchristlichen Naherwartung des Weltendes erwächst aus der Vorstellung eines bevorstehenden fundamentalen Umbruchs der dringliche Appell zur Umkehr, nun allerdings überwiegend in säkularer (weltlicher) Gestalt.
Aus dieser apokalyptischen Weltsicht erklären sich die starke Emotionalität, das Pathos und der häufig prophetisch-appellative Tonfall der expressionistischen Literatur. Auch der Expressionismus empfindet die herkömmliche Sprache und die traditionellen literarischen Formen als unzureichend. Anders als die Wiener Moderne reagiert er darauf jedoch vor allem mit einer radikalen Steigerung des sprachlichen Ausdrucks. Durch übersteigerte Bilder, Metaphern, sprachliche Verdichtung und den Bruch mit traditionellen Darstellungsformen versucht er, die als krisenhaft erfahrene Wirklichkeit und das subjektive Erleben unmittelbar zum Ausdruck zu bringen. Er will die Wirklichkeit im Unterschied zum Naturalismus nicht möglichst wirklichkeitsgetreu abbilden, sondern durch Übersteigerung ihre vermeintliche innere Wahrheit (dass sie dem Untergang entgegengehe) sichtbar machen.
Exemplarisch zeigen sich diese Merkmale in den apokalyptischen Großstadt- und Untergangsvisionen Georg Heyms (Der Gott der Stadt) und Jakob van Hoddis' (Weltende) sowie in der Hoffnung auf einen neuen Menschen, wie sie Georg Kaisers Drama Die Bürger von Calais und Ernst Tollers Die Wandlung gestalten. Die Verbindung von Krisenbewusstsein, Aufruhr und Erneuerungshoffnung prägt auch Kurt Pinthus' expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung.
