Moderne, literarische

Die literarische Moderne bezeichnet eine Epoche, die im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt und deren Entwicklungen weit in das 20. Jahrhundert hineinreichen. Erste Erscheinungsformen zeigen sich bereits um 1880 im Naturalismus. Die frühe oder klassische Moderne wird meist auf die Zeit von etwa 1890 bis 1933, teilweise bis 1945, eingegrenzt. Im weiteren Sinne reicht die literarische Moderne bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Sie umfasst unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche Strömungen wie den Naturalismus, den Symbolismus, die Wiener Moderne, den Expressionismus und die Neue Sachlichkeit.

Die literarische Moderne entsteht in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Industrialisierung, Großstädte, technischer Fortschritt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse verändern das Leben der Menschen und stellen bisherige Vorstellungen von der Welt und vom Menschen infrage. Die Menschen erleben ihre Welt zunehmend als unübersichtlich und widersprüchlich: In den rasch wachsenden Großstädten erfahren sie einerseits neue Freiheiten und Möglichkeiten, andererseits aber auch Anonymität, soziale Gegensätze und Orientierungslosigkeit. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse stellen zudem die Vorstellung infrage, dass der Mensch sein Denken und Handeln vollständig bewusst steuern kann.

Die Schriftsteller reagieren auf diese Veränderungen auf unterschiedliche Weise. Während die Naturalisten versuchen, die Wirklichkeit möglichst genau und wirklichkeitsgetreu darzustellen, beschäftigen sich andere Autoren stärker mit der subjektiven Wahrnehmung, den Gefühlen und den unbewussten Vorgängen im Menschen (Wiener Moderne). Wieder andere stellen die moderne Welt verzerrt, übersteigert (Expressionismus) oder bewusst nüchtern (Neue Sachlichkeit) dar.

Mit diesen unterschiedlichen Sichtweisen verändern sich häufig auch die literarischen Formen. Neben traditionellen Erzählweisen gewinnen neue Darstellungsverfahren wie der innere Monolog, wechselnde Erzählperspektiven, sprachliche Experimente und die Montage verschiedener Texte und Eindrücke an Bedeutung. Oft tritt der allwissende Erzähler zurück, sodass die Leser selbst Zusammenhänge herstellen und das Geschehen deuten müssen.

Dabei ist zwischen der Moderne als literaturgeschichtlicher Epoche und der Modernität als ästhetischem Prinzip zu unterscheiden. Die Epoche bezeichnet den historischen Zeitraum und die verschiedenen literarischen Strömungen, die sich in ihm entwickeln. Modernität bezeichnet dagegen die bewusste Auseinandersetzung mit überlieferten Vorstellungen und literarischen Formen sowie die Suche nach neuen Möglichkeiten des Schreibens. Deshalb ist nicht jedes Werk aus der Epoche der Moderne in gleicher Weise formal neuartig. Umgekehrt finden sich auch in früheren Epochen bereits Darstellungsverfahren, die wir als modern bezeichnen können.

Die literarische Moderne besitzt somit weder ein einheitliches Weltbild noch einen gemeinsamen Stil. Ihre unterschiedlichen Strömungen verbindet die Auseinandersetzung mit einer Welt, die sich grundlegend verändert, und die Suche nach literarischen Möglichkeiten, diese neue Wirklichkeit und die Erfahrungen der Menschen darzustellen.

 

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